REISETIPP – Kamelsafari im Damaraland

Schon die deutschen Schutztruppen wussten vor mehr als 100 Jahren die Ausdauer und die Genügsamkeit von Dromedaren zu schätzen. Über 2.000 dieser „Wüstenschiffe“ versahen am Ende des 19. Jahrhunderts in den weiten Savannen und kargen Wüstengregionen Namibias ihren Dienst unter kaiserlicher Flagge. Im November 2011 hatte Helmut Gries die Gelegenheit, mit einigen ihrer von „Camels Namibia“ erstandenen und ausgebildeten Nachfahren auf eine 5-tägige Reitsafari im Damaraland zu gehen.

Deutsche Volkslieder sind die Lieblingsmusik von Tewie, einem naturverbundenen und abenteuerlustigen Namibier, der mit bürgerlichem Namen Mattheus Bronkhorst heißt. Aber so nennt ihn niemand hier in den rauen Weiten des Damaralandes, erst recht nicht, seit er sich Camels Namibia CC angeschlossen hat. „Ihr werdet sehen, Kamele schaukeln wie Wüstenschiffe, und eine Kamelsafari ist so lustig wie eine Schiffsreise“, erzählt seine Kollegin Claudia Böhmer. Tewie quittiert dies mit breitem Lachen, um gleich darauf das erste Lied anzustimmen. „Ein Kamelritt, der ist lustig, ein Kamelritt der ist schön, wenn du Glück hast, kannst im Huab Elefanten wandern sehn.“
Mein Reisebegleiter Christian, der sich als frisch pensionierter Banker vorstellt und ich, der den größten Teil seines Alltags auf Bürostühlen, Auto- und Flugzeugsitzen verbringt, taxieren sich mit erwartungsvollen, aber auch skeptischen Blicken. Bald heißt es, Farbe zu bekennen, denn wie hieß es schon in der kurzen Reisebeschreibung? „Voraussetzung – Sie sollten fit und gesund sein, nicht über hundert Kilogramm wiegen, Humor haben, nicht zimperlich sein und die Wüste mögen. Dies ist Abenteuerurlaub!“

„Seid ihr wirklich sicher, dass ihr auf all den Luxus hier verzichten wollt“? fragt uns der Manager der mondänen Twyfelfontein Country Lodge beim Frühstück, und lässt dabei seinen Blick durch das großzügig gestaltete Restaurant über das reichhaltige Buffet bis hinunter zum Pool mit dem künstlichen Wasserfall schweifen. Eine lautstark einfallende Gruppe von Bustouristen erleichtert uns die Antwort, und so stehen mein Reisebegleiter Christian und ich eine gute Stunde später mit kleinem Gepäck und großer Fotoausrüstung am Rande des Air Strip der Lodge. Claudia und Tewie von „Camels Namibia“ haben den Treffpunkt ausgewählt, von welchem unsere Safari aus starten soll. Voller Spannung warten wir auf das Eintreffen der 9 Dromedare, die unter Führung von Buschmann Piet und Damara Titus auf dem Weg vom Aba Huab Campingplatz sind, um uns in den nächsten 5 Tagen auf einer Route den Huab hinunter und durch die beeindruckende Bergwelt des Damaralands zum Ugab-Camp des Save The Rhino Trust an den westlichen Ausläufern des Brandbergmassivs zu bringen.
Endlich tauchen zuerst die Köpfe, dann die beladenen Rücken und schließlich die ganze Karawane aus dem leuchtend gelben Grasmeer auf, welches nach der guten Regenzeit große Flächen der sonst eher kargen Hochebenen bedeckt. Gleich nach Eintreffen der „Wüstenschiffe“ erhalten wir eine Einweisung in die Eigenheiten der einzelnen Tiere, die Kommandos zum Manövrieren und vor allen Dingen in die für uns ungewohnten Bewegungsabläufe beim Aufsatteln und Absteigen. Kaum sind die Tagesrationen an Wasser und die Fotoausrüstung in Griffweite vorne auf den Sätteln verstaut, und die Steigbügel angepasst, setzt sich der ganze Tross in Bewegung. Gefolgt von unserem Begleitfahrzeug mit der Campingausrüstung, den Wasserreserven und der Verpflegung beginnt der Gewöhnungsprozess von Dromedaren und Reitern.

Mit jedem Kilometer wird der anfänglich störende Schmerz am verlängerten Rücken weiter verdrängt, schieben sich die Eindrücke der vorbeiziehenden Landschaft, die das Gefühl unendlicher Weite und Ruhe vermittelt, immer tiefer ins Bewusstsein. Immer häufiger begegnen wir Oryxantilopen und Steinböckchen, die erst flüchten, dann aber neugierig stehen bleiben und den ungewohnten Anblick der seltsam aussehenden Besucher zu deuten versuchen. Eine kleine Gruppe von Bergzebras stürmt einen Berghang hoch, um uns aus sicherer Höhe zu beobachten. Claudia weist uns auf Buschmannszeichnungen hin, die hier in der Umgebung von Twyfelfontein abseits der befahrbaren Routen erst kürzlich entdeckt wurden.
Nachdem die Route für den Abstieg ins breite Rivier des Huab festgelegt wurde, erhalten wir noch Anweisungen für den Fall, dass wir unverhofft einem der dort umherwandernden Wüstenelefanten zu nahe kommen. Unsere Abwehrwaffe ist eine Vuvuzela, deren Klang bei den Elefanten eine vertreibende Wirkung haben soll. Bis zum Abend sehen wir keine Elefanten und schlagen unser Nachtlager an einem Hang oberhalb des Riviers unter einem großen Kameldornbaum auf. Während die Kamele, befreit von ihren Lasten, grasend durch die Landschaft ziehen, genießen wir beim Sundowner den Panoramablick hinüber zu den erst in goldenen, später in Rosatönen schimmernden Bergen. Claudia kocht auf dem Holzfeuer ein leckeres Essen, und als Tewie aus der Kühlbox im Auto dazu ein paar eiskalte Büchsen Windhoek Lager zaubert, ist die Lagerfeuerromantik fernab der Zivilisation perfekt.

Am nächsten Morgen ist es erstaunlich kühl, und der Blick ins nebelige Tal verrät, dass der Westwind in der Nacht kalte Meeresluft vom nahen Atlantik den Huab herauf getrieben hat. Heißer Tee und starker Kaffee wärmt uns auf, während Claudia ein Frühstück zaubert, das dem Buffet in der Lodge in nichts nachsteht. Nachdem Piet und Titus die Kamele beladen und aneinander haben, erreichen wir nach kurzer Reittour De Riet, eine kleine Siedlung mitten im Huab. Hier können die Kamele an einem Brunnen ihren Wasservorrat auffüllen.
Die Einheimischen erzählen uns von einer Gruppe von Elefanten mit zwei Bullen und einem Jungen, die sich wenige Kilometer flussabwärts im Rivier aufhält. Bald entdecken wir sie im dichten Bewuchs entlang des Riviers. Unsere Dromedare reagieren auf die grauen Riesen genauso gelassen wie diese auf uns. Aus sicherer Entfernung beobachten wir die im Gebüsch verstreuten Mitglieder der Gruppe.

Ein gutes Stück flussabwärts haben wir den nächsten Kontakt mit einem Elefanten. Ein alter Bulle läuft in die gleiche Richtung wie unsere Karawane, hält aber gebührenden Abstand, so dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Als er außer Sichtweite ist, beschließen wir eine kurze Rast unter einem alten Anabaum einzulegen und füttern die Kamele mit dessen nahrhaften Schoten, auf die es auch die Elefanten abgesehen haben. Mein Goliath ist sichtlich erfreut, und ich habe den Eindruck, dass dies der Beginn einer nachhaltigen Freundschaft zwischen Lastenträger und Reiter ist.
Wenig später finden wir einen Ausstieg zwischen den sandigen und steil abfallenden, vom letzen Hochwasser geformten Abbruchkanten des Riviers. Seit Stunden klettert unsere Karawane Höhenmeter um Höhenmeter und taucht immer tiefer in die raue, zerklüftete Bergwelt zwischen Huab und Ugab ein. Je höher wir kommen, desto eindrucksvoller wird das uns umgebende Panorama. Die Bäume sind längst niedrigen Sträuchern gewichen, und diese weichen zunehmend dürren Grasbüscheln, dennoch übt die Landschaft einen kaum zu beschreibenden Reiz aus. Die Kombination aus Weite, Stille und Abgeschiedenheit, ohne das störende Geräusch eines Allradfahrzeuges ist es wohl, was den besonderen Reiz einer Kamelsafari ausmacht.

Der einzige Baum weit und breit dient als Kulisse für unser zweites Nachtlager. „Cheetah Tree“ wird er genannt, aber natürlich sind weit und breit keine Spuren eines Geparden zu finden. Wir genießen die Oryxsteaks, die Tewie über dem Holzkohlefeuer grillt. Im Anschluss serviert Claudia köstliche, mit Whisky flambierte Bananen. Nach diesem unerwarteten Einblick in ihre Vorräte schmeckt uns der von nun an verfeinerte Rooibos-Tee noch besser. Und vor allen Dingen, er wärmt uns, denn als wir am nächsten Morgen aus den Zelten kriechen, ist alles mit Tau bedeckt. Tewie ist wie üblich längst auf den Beinen und hat Feuer gemacht. „Habt ihr diese Nacht auch das Löwengebrüll drüben aus den Bergen gehört?“. Wie viele Namibier zieht er es vor, im Schlafsack unter freiem Himmel zu schlafen. So ist er der Natur noch ein Stück näher.
Den Luxus der Weite und die Ruhe genießend, sind wir seit Stunden zu unserem nächsten Ziel, dem „View Point“ unterwegs. Das Thermometer hat längst die 35 Grad-Marke hinter sich gelassen. Wir haben eine Hochebene erklommen, die von einem wogenden Teppich aus silbrig schimmerndem Gras bedeckt ist und reiten durch eine felsige Landschaft, in welcher uns dunkle Basaltkegel als markante Landmarken den richtigen Weg weisen. Am Horizont erscheint die eindrucksvolle Silhouette des mächtigen Brandbergs, der mit dem Königstein den höchsten Gipfel Namibias beherbergt. Am westlichen Ausläufer des nahezu runden Bergmassivs mit 35 km Durchmesser liegt das Ziel unserer Safari, welches wir in zwei Tagen erreichen wollen.

Am späten Nachmittag erreichen wir unser Tagesziel, einen markanten, durch Erosion geformten Sandsteinfelsen, der von Weitem wie eine riesige Welle aussieht. Im Schutze des Felsens errichten wir unser Camp und genießen das ständig wechselnde Farbspiel auf dem Felsen bis zum letzten Sonnenstrahl. Claudia gibt die Speisekarte für das Abendessen bekannt. Zum Hauptgang gibt es Hähnchenschenkel vom Grill. „Vom Perlhuhn?“ will Christian wissen. Tewie lacht: „Kennt ihr das namibische Rezept für Perlhuhn? Man nehme ein Perlhuhn und einen Ziegelstein, stecke beides in einen Kochtopf und koche es für sechs Stunden. Dann werfe man das Perlhuhn weg und esse den Ziegelstein.“
Unsere Kameltreiber sammeln am Morgen die weit verstreuten Dromedare ein, und wenig später besteigen wir unsere inzwischen lieb gewonnenen Reittiere und brechen zum vierten Tag unserer erlebnisreichen Safari auf. Die Landschaft wird noch rauer und unwegsamer, was uns immer häufiger zum Absteigen zwingt, weil die Dromedare keinen sicheren Tritt auf dem losen Geröll finden. Während wir die kürzeste Strecke über die steinigen Hügel zu Fuß bewältigen, führen Piet und Titus die Karawane im großen Bogen um diese herum. Die Aussicht ist grandios, jeder erklommene Kamm eröffnet neue Perspektiven.

Zum Greifen nah, erscheint der Brandberg doch endlos fern, weil die Distanz auch nach Stunden kaum zu schrumpfen scheint. Jedes Mal, wenn wir glauben, eine Höhe erreicht zu haben, tut sich ein noch höherer Hügel vor uns auf, und so vergeht Stunde um Stunde. Gegen Mittag erreichen wir den Treffpunkt am Lions Head, wo unser Begleitfahrzeug auf uns wartet. Ein schmaler Pfad führt auf den Gipfel, der eine phantastische Rundumsicht bietet. Im Norden liegen die Gipfel des Damaralandes, im Westen die küstennahen Berge. Im Osten ist in der Ferne der Doros Krater zu sehen, während sich im Süden ein Meer von Gesteinsfaltungen bis hin zum Brandberg erstreckt.
Nach kurzer Rast tauchen wir in das Meer der gefalteten Bergkämme ein. Ich habe den Eindruck, dass unsere Wüstenschiffe noch stärker schwanken als zuvor, aber Gott sei Dank bin ich gegen alle Formen von Seekrankheit immun. Unsere Guides kennen die Landschaft und finden sicher die Passagen durch das unwegsame Gelände. Wir reiten durch große Felder von Talerbüschen, die der kargen Landschaft gelbgrüne Farbtupfer verleihen. Schließlich stoßen wir auf die Schotterstrecke, die von der alten Brandberg Mine nach Norden führt.

Je weiter wir uns dem Brandberg nähern, desto mehr verändert sich die Landschaft. Erste Spuren menschlicher Aktivitäten werden sichtbar. Tiefe Einschnitte in die Bergkämme und herumliegendes Geröll sind die Spuren des Tagebaus, der früher in dieser Gegend betrieben wurde. Der Brandberg ist bekannt für seine Mineralienvielfalt, und noch heute werden den vorbeifahrenden Touristen entlang der Straßen um Uis glitzernde Halbedelsteine zum Kauf angeboten. Am Eingang zur Schlucht, die zum Ugab hinab führt, schlagen wir unser vorletztes Camp auf. Am Lagerfeuer erzählt uns Claudia die Geschichte von Camels Namibia CC.
13 Dromedare von einer Farm bei Gobabis bilden die Keimzelle des von der Namibierin Waldi Fritzsche in 2009 gegründeten Safariunternehmens. Ein im Umgang mit Kamelen erfahrener Nama und eine Australierin halfen bei der Ausbildung der Kamele und der Herstellung der individuell an die Größe und Form der Höcker angepassten Reitsättel. Anfang 2011 wurden die ersten Touren in der Naukluft durchgeführt, ab September des Jahres im Damaraland, jeweils in Kooperation mit Namibia Country Lodges, welche die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellen.

Der von Claudia zubereitete Wildpotjie schmeckt köstlich, und wir sitzen noch lange am Lagerfeuer und genießen den Sternenhimmel über uns. Irgendwann kriechen in unsere Zelte, wohl wissend, dass morgen unser großer Tag kommt, an welchem wir unsere in den letzten vier Tagen erworbenen Kenntnisse als erfahrene Kamelreiter unter Beweis stellen müssen.
Zum Frühstück gibt es frisch zubereitete Flapjacks, Pfannkuchen aus Maismehl und Wasser. So gestärkt, besteigen wir unsere Kamele, die wir heute zum ersten Mal alleine reiten dürfen, ohne die sichere Leine, die unsere Karawane in den vergangenen Tagen miteinander verbunden hat. Nicht Piet oder Titus werden unseren Weg heute bestimmen, wir müssen die Kamele selbst in die gewünschte Richtung lenken.

Wir reiten überwiegend in der Fahrspur, die sich zwischen den steiler werdenden Hängen bergab zum Rivier schlängelt. Goliath und ich haben unseren gemeinsamen Rhythmus gefunden, und ich kann mich ganz und gar nicht mit dem aufkommenden Gedanken anfreunden, dass unsere schwankende Reise in wenigen Stunden beendet sein wird. Die Rückenschmerzen der ersten Tage sind verflogen, und ich beginne zu bedauern, dass nicht mein neuer vierbeiniger Freund, sondern ein Geländewagen mich zum Ausgangspunkt unserer Safari zurück bringen wird. Das Gelände wird schließlich so steinig, dass wir absteigen und die Kamele über die rutschigen Steinplatten führen müssen. Weiße Salzkrusten säumen mit gelblichem Brackwasser gefüllte Auswaschungen im felsigen Untergrund. Weiter vorn signalisieren uns übermannshohes Schilfgras und Tamarisken, dass wir in Kürze das Ugab-Rivier erreichen werden.
Tewie bläst die Vuvuzela, um eventuell im Dickicht äsende Elefanten zu vertreiben, bevor Piet und Titus mit den Kamelen darin eintauchen. Wir müssen uns beeilen, um sie im dichten Gestrüpp nicht aus den Augen zu verlieren. Nach kurzer Wegstrecke lichtet sich das Gebüsch und wir sehen Bernd Brell, den Chefranger des Save The Rhino Trust, der uns vom Dach des Infocenters zuwinkt. Wir haben das Ziel unserer 100 km langen Safari erreicht, und als Belohnung winkt eine erfrischende Dusche, die erste nach 5 Tagen in staubiger Umgebung. Befreit von den Lasten auf ihren Rücken nehmen unsere vierbeinigen Freunde ihr eigenes Bad, wälzen sich dazu im feinen Staub des Riviers und sind endlich wieder das, was sie eigentlich sein wollen – Kamele.

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Informationen, Kontakt und Buchung
Camels Namibia CC, P.O.Box 11778,Windhoek, Namibia Tel.: +264 (0)81 1478987 (Claudia Böhmer) oder (0)81 1270248 (Waldi Fritzsche) Email: camels@iway.na oder info@camelsnamibia.com Website: www.camelsnamibia.com